Mujeres Libres – anarchistische Frauen in Revolution & Widerstand

Die Idee zur Organisation „Mujeres Libres“ entstand in dem kleinen Kreis der Herausgeberinnen der gleichnamigen Zeitschrift. Die Zeitschrift hatte sich schon in der Artikelserie „Die Frauenfrage in unseren Kreisen“ intensiv mit der Frauenfrage und den Möglichkeiten der Emanzipation befasst. Ausgehend von der spezifischen Situation der Frauen, erkannte Lucia Sanches Saormil (eine der Herausgeberinnen der Zeitschrift „Mujeres Libres“) die Notwendigkeit einer eigenständigen Frauenorganisation um den Bewusstwerdungsprozess der Frauen anzuregen, aber auch um ihnen libertäre Ideen näher zu bringen. Die Situation der Frau war durch eine starke Unterdrückung durch Familie und Kirche geprägt. Obwohl AnarchistInnen erklärte GegnerInnen dieser repressiven Institutionen waren, (und sind), fühlten sich die Frauen zunächst nicht zum Anarchismus hingezogen. Die angegriffenen Institutionen Kirche und Familie boten den Frauen zumindest ein soziales Netz, während die anarchistischen Organisationen CNT und FAI keine Alternative boten.

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„Wir wollen eine bewusste Weiblichkeit schaffen.“

Die erste Mujeres Libres Gruppe bildete sich 1936 in Madrid. Die Organisation breitete sich von Madrid und Barcelona schnell über den größten Teil des freien Spaniens aus. Mujeres Libres gründeten sich als autonome Organisation mit anarchistischen und feministischen Zielen. Ihre Arbeit berücksichtigte die besondere Situation der Frauen, auf die weder CNT noch FAI eingingen. Die Organisationsform der Mujeres Libres war autonom und dezentral. Bis zum Ende des Krieges gab es ca. 147 Mujeres Libres Gruppen mit etwa 20'000 Mitgliedern, die über ein überregionales Kommunikationsnetz verfügten.

Auf ihrem ersten nationalen Kongress im August 1937 beschlossen Mujeres Libres, sich die Struktur einer nationalen Föderation zu geben. Jede Gruppe agierte autonom, verpflichtete sich jedoch zur Einhaltung der verabschiedeten Statuten und der Beschlüsse der nationalen Kongresse. Ihr wichtigstes Ziel war die Befreiung der Frau von ihrer dreifachen Versklavung durch Unwissenheit, ökonomische Verhältnisse und den Mann.

Bildung

Die kulturell-professionelle Befähigung der Frauen war ein zentrales Anliegen der Mujeres Libres. Zu diesem Zweck erstellten die lokalen Gruppen ein umfangreiches Angebot an allgemein- + berufsbildendem Unterricht. Grundlegender Bestandteil der Kampagne waren die Alphabetisierungskurse, denn unter den Frauen war die Analphabetenquote sehr hoch. Daneben boten die Mujeres Libres ein breit gefächertes Angebot an berufsbildenden Kursen. Frauen wollten anderen Frauen helfen, sich selbst gegen politische, ökonomische und sexuelle Unterdrückung individuell und kollektiv zu wehren. Sie wollten erreichen, dass Frauen im öffentlichen Leben aktive, selbständig denkende und handelnde Personen werden.

Erziehung

Ein weiterer Ansatzpunkt der Veränderung menschlicher Beziehungen und damit der Gesellschaft war für die Mujeres Libres die Erziehung. Die Erziehung dient nicht nur der Machterhaltung des Staates, sondern reproduziert auch traditionelles Rollenverhalten von Mann und Frau, was wiederum der Herrschaftssicherung des Mannes dient. All das sollte Erziehung für die Mujeres Libres nicht sein; sie vertraten die Ansicht, dass Erziehung Aufgabe der Gemeinschaft und der Eltern sein müsse. Sie forderten die Aufhebung der Trennung zwischen Alltagsleben und Schule: die Erziehung sollte global werden, indem ständig eine Beziehung zur Realität der Schule, des Zuhause und der Strasse bestehen würde. Die Erziehung sollte für alle gleich und ohne Unterschied der Geschlechter sein.

Frauenarbeit

Mujeres Libres forderten die Berufstätigkeit der Frau, da sie in der ökonomischen Abhängigkeit die Ursache der niedrigen sozialen Stellung und Machtlosigkeit der Frau sahen. Sie widersprachen der, auch von Anarchisten vertretenen These, dass die arbeitende Frau in Konkurrenz zu den Männern stehe und deren Löhne drücke. Sie traten für das Recht der Frau auf Arbeit unter allen Umständen ein. Die Organisierung der weiblichen Arbeitskraft war eine der Hauptaufgaben, die sich Mujeres Libres gestellt hatten. Themen wie die Problematik geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, die Doppelbelastung berufstätiger Frauen,die Definition von Hausarbeit als Arbeit behandelten Mujeres Libres jedoch nur selten oder gar nicht.

Hygiene und Sexualität

Ein wesentlicher Teil der Arbeit von Mujeres Libres war die Körperaufklärung und Hygieneprogramme. Ein Monopol, dass bis dahin die Kirche inne hatte, die die Frauen natürlich in Unwissenheit hielt. Die Überwindung der Unkenntnis sollte den Frauen die Möglichkeit der Selbstbestimmung über ihren Körper und damit über ihre Sexualität geben. Mit der ökonomischen und sozialen Unterdrückung der Frau eng verknüpft ist, ihre sexuelle Unterdrückung. Eine vollständige sexuelle Befreiung ist jedoch ohne eine radikale Veränderung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursachen nicht möglich. Eine klare Position zur Überwindung der alten Moralvorstellungen lässt sich bei Mujeres Libres aber nicht erkennen, das Ideal der freien Liebe schien hauptsächlich für Männer zu gelten. Auf deutliche Ablehnung stieß das Bild der Frau als Mutter, als einzige Form der Verwirklichung und Höhepunkt des Lebens. Als Basis für die Emanzipation sahen Mujeres Libres die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau, wodurch sich auch die starr Geschlechterrollendifferenzierung in der spanischen Gesellschaft verändern sollte. In Zusammenarbeit mit der CNT förderten Mujeres Libres daher Lehr- und Ausbildungsprogramme in Fabriken. Sie starteten eine Kampagne zur Errichtung von kostenlosen Kinderkrippen und Volksspeiseräumen und forderten ausserdem gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Die praktischen Errungenschaften von Mujeres Libres waren im Vergleich zu den gesetzten Zielen begrenzt und bruchstückhaft, das Schicksal der Frauen lässt sich nicht von dem der spanischen Revolution trennen. Auch die Mujeres Libres unterstützten die Volksfront, gegen Ende des Krieges rückten die Ansätze zur Frauenbewegung angesichts der drohenden Niederlage in den Hintergrund. Mit dem Sieg des Faschismus 1939 fand auch das Kapitel Mujeres Libres sein vorläufiges Ende

Mujeres Libres in der faschistischen Diktatur Francos

Wie alle auf der republikanischen Seite aktiv gewesenen Menschen, standen auch die Mitglieder der Mujeres Libres nach Francos Sieg am 01.04.1939 vor dem Problem, einen sicheren Aufenthaltsort zu finden. Da über das Schicksal der 20'000 Mitglieder der Mujeres Libres fast nichts bekannt ist, wird im folgenden dargestellt, wie es den spanischen Antifaschistinnen erging. Viele Mitglieder der Mujeres Libres werden dasselbe Schicksal erlitten haben.

Repression

Nach dem franquistischen Sieg wurden alle Menschen, die auf der republikanischen Seite gekämpft hatten, offiziell zu VerbrecherInnen erklärt und eingesperrt. Franco war ein gnadenlos repressiver Diktator und übte gegenüber der RepublikanerInnen einen „unkontrollierten Geist der Rache“ aus. Brutalität seitens der AufseherInnen miserable hygienische Verhältnisse, masslose Überbelegung der Gefängnisse, Krankheiten, Seuchen und Unterernährung waren nur einige Seiten dieses Rachefeldzuges. Hinzu kamen unzählige Kindstote durch Unterernährung, verbal Übergriffe, Folter und Vergewaltigungen durch das Aufsichtspersonal und der Geheimpolizei.

„Vergewaltigungen waren alltäglich. Der Machtmissbrauch der Männer gegenüber Frauen nahm unter diesen Umständen dramatische Proportionen an. Die sogenannten „Roten“ waren weniger als Nichts Wert für die faschistischen Machos. Die Vergewaltigung von weiblichen Gefangenen hatte nichts mit sexueller Begierde zu tun; es war einzig und allein ein Akt der Macht, der Demütigung, des Sadismus.“

In den 1950er Jahren wurden viele Todesurteile in lange Haftstrafen umgewandelt, wahrscheinlich auf Druck des Auslandes.

Innere Emigration

Ein grosser Teil der republikanischen Frauen blieb in Spanien, zog sich in die sogenannte Innere Emigration zurück und beugte sich, nach aussen hin, der franquistischen Diktatur. Auch für diese Frauen war das Leben nicht einfach; sie wurden von der Diktatur wieder in ihre traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter gepresst, das Wahlrecht und viele andere Errungenschaften der Zweiten Republik wurden ihnen wieder aberkannt. Außerdem mussten sie ständig mit der Angst leben, von FranquistInnen erkannt und denunziert zu werden.

Widerstand

Nach der republikanischen Niederlage organisierten vor allem kommunistische und anarchistische KämpferInnen den bewaffneten Widerstand gegen das Franco-Regime. Auch Frauen gingen in den Widerstand, doch die Zahl der Frauen, die Repressionen dafür erleiden mussten, war um vieles grösser als die der tatsächlichen KämpferInnen – als Familienangehörige von WiderstandskämpferInnen wurden sie festgenommen und für 20 – 30 Jahre inhaftiert.

Lager in Frankreich

Nach der republikanischen Niederlage organisierten vor allem kommunistische und anarchistische KämpferInnen den bewaffneten Widerstand gegen das Franco-Regime. Auch Frauen gingen in den Widerstand, doch die Zahl der Frauen, die Repressionen dafür erleiden mussten, war um vieles grösser als die der tatsächlichen KämpferInnen – als Familienangehörige von WiderstandskämpferInnen wurden sie festgenommen und für 20-30 Jahre inhaftiert.

Exil

Viele Frauen, denen die Flucht ins Ausland gelungen war, engagierten sich auch dort. Sei es im dortigen antifaschistischen Widerstand, sei es im sozialen Bereich.

Exilzeitschrift

Ab 1964 erschien die Exilzeitschrift „Mujeres Libres en exilio“. Sie wurde von ehemaligen Mitgliedern der Mujeres Libres gegründet. Es erschienen darin Artikel über Familie, Empfängnisverhütung, „bewusste Mutterschaft“, Kindererziehung und Rezensionen über historisch-politische, pädagogische oder belletristische Literatur. Gedichte, aktuelle Meldungen über Repression in Spanien und anderswo und Informationen über libertäre Gruppen in aller Welt. In welchem Rhythmus die Exilzeitschrift publiziert wurde und wie viele Ausgaben es gab, ist unklar. Die Redaktion löste sich jedoch nicht gleich nach Francos Tod 1976 und dem Ende der Diktatur auf, sondern publizierte „Mujeres Libres“ noch bis Anfang 1977.

Neugründung der Gruppe

1976 gründeten Anarchistinnen in einigen Städten Spaniens wieder Mujeres Libres-Gruppen. Anders als die „alten“ Mujeres Libres war die neue Gruppe (jedenfalls die in Barcelona) keine reine Frauengruppe, sondern nahm auch Männer auf. Dies begründeten die Mitglieder damit, dass sie offen seien für alle, die sich mit dem „Frauenproblem“ beschäftigen möchten – also auch für Männer. Von Frauengruppen, die nicht nur keine Männer aufnahmen, sondern auch die Männer als willentliche Unterdrücker hinstellten, distanzierten sie sich:

„Wenn irgend jemand angegriffen werden muss, sind es die Männer und Frauen, die sich der Befreiung des Menschen widersetzen. Wenn auch viele Männer die Rolle der Ausbeuter spielen und aus ihrer männlichen Natur als Väter, Ehemänner, Brüder, Polizisten und Besitzer der Frauen Vorteile ziehen, um ihre Wünsche durchzusetzen, so fügen sich auch sehr viele Frauen in ihre Rolle der Unterdrückung und Abhängigkeit und tragen dadurch mit dazu bei, dass die patriarchalische und diktatorische Familie aufrecht erhalten bleibt, wie man es in jeder Gesellschaft antreffen kann.“

Im Mai 1977 brachte die Gruppe in Barcelona die erste Nummer von „Mujeres Libres Barcelona, II. Epoche“ heraus. Die vierte Ausgabe erschien 1978. Ob die Zeitschrift danach weitergeführt wurde, und ob die Gruppe selbst noch weiter bestanden hat, ist unklar.

Aus: "Anarchafeminismus - Ein Ansatz der noch ausgearbeitet werden muss" AG Anarchafeminismus der Libertären Aktion Winterthur (2. Auflage, 2008) Seite 26-29, (siehe auch: law.arachnia.ch)

Literatur zum weiterlesen:

  • Vera Bianchi: Feministinnen in der Revolution - Die Gruppe Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg (ISBN: 9783897712034)
  • Vera Bianchi u.a.: Mujeres Libres - Libertäre Kämpferinnen (ISBN:3868412212)
  • Martha A. Ackelsberg: Free Women of Spain - Anarchism and the Struggle for the Emancipation of Women (ISBN:1902593960)
  • Mary Nash: Mujeres Libres 1936-1978. Ausgewählt und aus dem Spanischen übersetzt von Thomas Kleinspehn
  • Zeitschrift Mujeres Libres digitalisiert: https://cgt.org.es/revista-mujeres-libres/
  • https://www.graswurzel.net/gwr/wp-content/uploads/2019/10/LiBu442.pdf